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Ich freue mich sehr, die ersten Beiträge für den Sammelpost Erwartungen und Wünsche zur Einschulung treffen ein. Auch snowqueen von Gewünschtestes Wunschkind schrieb mir ihre Gedanken dazu, die ich gerne als Gastbeitrag hier veröffentliche.

Freuen auf die Schule & die Realität

Ich träume noch ziemlich oft von meiner Schulzeit, und immer sind es Albträume. Ich träume davon, dass ich morgen mündliches Abitur habe und noch nichts dafür gelernt habe. Ich träume davon, die Hausaufgaben vergessen zu haben und mich als einzige im Raum deswegen melden zu müssen. Ich träume davon, vor der Klasse ein Gedicht aufsagen zu wollen, und keinen Ton herauszubekommen bzw. alternativ keine Luft zu bekommen. Das ist seltsam, denn ich war eine gute, leise Schülerin und ging eigentlich gern hin. Ich bin ja sogar selbst Lehrerin geworden!

In diesem Sommer kommt eine meiner Töchter zur Schule. Sie wird gerade erst 6 Jahre alt sein, was ich zu früh finde, aber, anders bei ihrer Schwester, konnten wir die Schulärztin nicht davon überzeugen, sie zurückzustellen. Nun wird sie also Schulkind, und freut sich natürlich wahnsinnig darauf. Als Lehrerin weiß ich, dass sich alle Kinder auf ihre Einschulung freuen. Sie freuen sich über ihren Ranzen, über die Schultüte, über die Federtasche und darauf, dass sie endlich Lesen, Schreiben und Rechnen lernen werden. Alle meine Schüler kommen mit Freude und großer Hoffnung zu uns und jedes verdammte Jahr sehe ich, wie diese Freunde und die Hoffnung schon in den ersten Wochen einen gehörigen Realitätsschock und Dämpfer erhalten, egal, wie engagiert und liebevoll die Klassenlehrerin versucht, es aufzufangen. Das Regelkorsett der klassischen Grundschulen ist einfach zu eng, als dass auf innere Motivation und persönliche Interessensvorlieben eines einzelnen Kindes groß eingegangen werden kann.

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Mit der Einschulung kommen die Gedanken

Die Schulwahl ist wichtig: ein offenes System

Ich habe meine Tochter deshalb an einer winzig kleinen Schule angemeldet. Dort gibt es nur knapp 100 Schüler bis hoch zur 10. Klasse. Zehn Schüler pro Klassenstufe. Der Unterrichtsstoff wird allerdings nicht starr nach Alter angeboten, sondern nach Interesse und Niveau. Es kann also vorkommen, dass ein Fünftklässler beim Einführungskurs Lesen mitmacht und ein Erstklässler im Mathekurs über Multiplikation und Division. Die Lehrer, die übrigens geduzt werden, haben die Lernentwicklung jedes Schülers genau im Blick. Zensuren gibt es keine. Der Unterricht beginnt erst morgens um 9 Uhr. Es gibt ein frei zugängliches Telefon, mit dem die (kleinen) Kinder ihre Eltern anrufen dürfen, wenn ihre Sehnsucht zu groß wird und sie eine vertraute Stimme hören wollen. Ein Doppelbett steht im Raum der Einschüler, falls der Schulalltag zu anstrengend für sie ist. Die Schüler müssen keine Lehrbücher kaufen – alles steht in der Schule für sie bereit, auch Stifte und Schreibblöcke. Hausaufgaben bekommen die Kinder nicht. Das bedeutet natürlich auch, dass sie keine Schulranzen brauchen, denn sie tragen nichts von oder zur Schule, bis auf ihr Frühstück, das in einen kleinen Rucksack passt. Ich glaube, das war eine Enttäuschung für meine Tochter, denn natürlich gehört für sie der Ranzen zum Großwerden dazu. Es gibt einen extra Tobe-Raum, einen Kreativraum zum Malen und Kneten, eine Töpferei, eine Steinwerkstatt. Die Schüler leiten alle Versammlungen, die Lehrer stehen nur begleitend zur Seite. Am Ende des Schultages räumen alle gemeinsam die Schule auf, es wird weggeworfen, gefegt und gewischt, damit am nächsten Morgen eine einladende Lernumgebung auf die Kinder wartet.

Meine Tochter hat bereits eine Woche im März an der Schule verbracht – sie sollte herausfinden, ob das offene System der Schule “etwas für sie ist”, oder ob sie sich verloren oder unwohl fühlt. Sie mochte es dort, aber natürlich empfand sie die Tage trotzdem als anstrengend. Doch als sie sich mit einem anderen Mädchen anfreundete, war es plötzlich wunderbar und leicht. Mit einem Freund an der Seite ist alles besser…. Ich bin gespannt, ob die große innere Motivation, Neues zu lernen, die meine Tochter sich bisher sechs Jahre lang bewahren konnte, an dieser speziellen Schule weiter lodert. Ich hoffe es inständig. Ich wünsche es ihr und mir. Heute in einem Jahr wissen wir mehr – ich werde berichten.