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Tja, Kinder, ich bin ein bisschen in der Bredouille. Eigentlich wollte ich ja einen geharnischten Artikel darüber schreiben, warum wir uns gegen ein drittes Kind entschieden haben. Kühl und analytisch wollte ich euch darlegen, warum ein weiteres Mäulchen an unserem Tisch schon aus ökonomischen Gründen nicht sinnvoll ist. Ja, ich meine, überlegt mal, wie teuer so ein Kind ist! Da gehen tausende Euro allein für die Erstausstattung drauf. Und sobald es auf der Welt ist, kostet ein Kind schon ungefähr genauso viel wie ein Erwachsener. Das Geld wird lediglich für Windeln und Breichen ausgegeben, statt für Stulle und Bier (oder Mate). Später kommen Kitagebühren, Hortgebühren, Taschengeld, hippe Klamotten und Klassenfahrten dazu. Da hätte man schon mal anfangen können, für die Rentenzeit Brennholz zu sammeln.

Alles spricht gegen ein drittes Kind

Mal ganz davon abgesehen, dass die Wohnung dann schon wieder zu klein wäre und es ab fünf Zimmern echt schwierig wird, eine bezahlbare Bleibe zu finden, egal, ob in der Großstadt oder in der tiefsten Provinz. Ach ja, und ein neues Auto bräuchte man ja auch.

Aber nicht nur das hätte ich mal ganz deutlich ausgesprochen, damit es in die hormonvernebelten Gehirne hipper Supermütter eindringt, die gleich eine ganze Fußballmannschaft anstreben. Trägt man ja heute so. Nein, ich hätte auch diverse psychologische Gründe angeführt. Unsere Tochter, das  toughe Mädel mit den weisen Augen als mittleres Kind, das dann erfahrungsgemäß die geringste Zuwendung erfährt? Unser Sohn, das sensible Kreativgenie, als „Großer“, der mit so einem kleinen Baby vielleicht gar nichts anfangen kann? Die Familiendynamik, oh, das wäre mein Hammerargument gewesen, die Familiendynamik wäre ja völlig durcheinander geraten.

Viele Kinder? Nur eine Modeerscheinung.

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Kein drittes Kind für uns!

Nachdem ich mich so in Rage geredet hätte, wollte ich auch noch ein kleines bisschen rumwettern, dass die momentane Vielkinderei doch auch bloß eine Modeerscheinung wäre, noch dazu eine Ungesunde.

Ganz zum Schluss, man ist ja bescheiden, hätte ich auch noch einmal angemerkt, dass die Logistik, seine Kinderschar bei den Großeltern unterzubringen, damit man mal einen freien Abend hat, um herauszufinden, wer diese müde Frau ist, die da jeden Abend neben einem ins Bett fällt, diese Logistik wäre unendlich komplizierter geworden. Freizeit ade. Und durchschlafene Nächte, jenes rare Juwel im Leben aller Kleinkindeltern, die wären, gerade wiedergewonnen, auch gleich wieder im Dunkel der Nacht verschwunden. Man ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Wenn wir jetzt noch ein Kind ansetzen, wäre ich knapp sechzig, wenn es in das Alter kommt, in dem man ihm mit sanftem Nachdruck den Auszug nahelegen kann.

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Dann kam der Moment: ein anderes Baby

Das alles wollte ich mal ordentlich aufschreiben. Aber dann ist was Verrücktes passiert: Mein Bruder ist Papa geworden. Und ich durfte das Kind halten.

Ich sitze da, im Krankenhaus, im Schummerlicht auf der Säuglingsstation, die stolzen Eltern und Großeltern wuseln um mich herum, Geschenke werden ausgepackt, Hände geschüttelt, Fotos gemacht. Die entscheidende Frage wird gestellt, vor der ich ein bisschen Angst gehabt, aber auf die ich eigentlich die ganze Zeit gewartet habe: „Na, willst du ihn mal halten?“ Ich nicke tapfer und versuche, mich zu erinnern, wie das geht. Jetzt bloß nichts falsch machen, das könnte ich mir nie verzeihen. Also: Eine Hand hier, die andere da, schön aufs Köpfchen aufpassen und … geschafft.

Jetzt habe ich ein Kind auf dem Arm, keine vierundzwanzig Stunden alt und es kommt, was kommen musste: Das kleine schlafende Mäuschen aktiviert sämtliche Papa-Zentren im Gehirn. Und plötzlich ist alles wieder da. Wie sich das anfühlt, ein Neugeborenes im Arm zu halten. Die Tatsache, dass es einen dermaßen glücklich macht, einem Baby beim Schlafen zuzuschauen, dass man ein Lätzchen braucht, weil einem Endorphine aus den Ohren schießen. Entgegen anderslautender Berichte haben wir Männer außer Testosteron auch noch andere Hormone. Mir fällt wieder ein, warum ich damals ein Kind gewollt hab, und später dann noch eins: die riechen so gut! Das und weil Papa sein eines der besten Dinge ist, die man als Mann im Leben haben kann. Da tritt unvermittelt ein Gedanke in den Vordergrund, der schon seit Jahren irgendwo hinter einer Hirnwindung rumgelungert hat: Hey Alter, mal ehrlich, ein drittes Kind, das wärs doch, oder? Und mit ganzem Herzen sag ich: „Na kl …“

Einer spielt nicht mit: die Vernunft

Doch leider kommt an dieser Stelle das Hirn, dieser fiese Verräter, angesprungen und verweist streng auf all die sorgsam gesammelten und als sachlich richtig geprüften Argumente. Hirn schlägt Herz, sagt man doch so, oder? Aber Herz, der alte Punk, rappelt sich auf, tritt Hirn in die Eier und lässt es am Baby riechen. Daraufhin zuckt Hirn verzweifelt mit den Schultern, zeigt die leere Brieftasche und blickt bedeutungsschwanger auf die körperinterne Restakkuanzeige. Das Herz ist traurig und bockt noch eine Weile rum, aber letztlich hat es ein Einsehen. Lieber ein guter Papa mit zwei Kindern, als drei Kinder mit einem seelischen Wrack.

Aber vielleicht, denkt sich das Herz im Stillen, vielleicht lässt dich ja mal wieder jemand sein Baby halten. Und dann riechst du dran und träumst ein bisschen …

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