Sarah hat zur Blogparade zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen aufgerufen. Hier mein Beitrag.


Meine Kindheit begann – ordnungsgemäß mit meiner Geburt – am 10. September 1979. Wollte man ein Datum für ihr Ende wählen, so wäre das sicher der 13. März 1999, der Tag an dem ich die Liebe meines Lebens traf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ein fröhlicher kleiner Martin (1979)

Ein fröhlicher kleiner Martin (1979)

In einer meiner frühesten Erinnerungen sitze ich auf dem Klo (mit Kinderaufsatz in DDR-Orange) in der winzigen 2-Zimmer-Wohnung meiner Eltern und schaue mir ein Plakat mit Tropenfischen an, das dort an der Tür hing. Da war ich ungefähr drei, schätze ich. Ich hatte in dieser Wohnung meine kleine Spielecke mit einem Ball, Plastebausteinen, Spielzeugautos und Kuscheltieren. Ich erinnere mich auch, wie ich aus den Bettdecken meiner Eltern Raumschiffe gebaut habe und damit durch den Weltraum geflogen bin. Ich war zu jener Zeit schon ein Nerd.

Ich war bereits damals sehr belesen (1981).

Ich war bereits damals sehr belesen (1981).

Nach der Geburt meines Bruders sind wir dann in eine größere Wohnung gezogen. Typischer DDR-Plattenbau, aber immerhin mit Badewanne in der Wohung, Zentralheizung und – am allerbesten – einem eigenen Kinderzimmer. Die Wohnung lag im fünften Stock – ich bin heute noch gut im Treppensteigen. Meine Lieblingsspielzeuge waren damals die Plastebausteine (DDR Lego), der Metallbaukasten und natürlich meine supercoole Eisenbahnplatte. Die hatte mein Vater gebaut und es gab jede Menge Weichen, Signale und Lämpchen zum Schalten. Ein großer Spaß!

Der kleine Lokführer (1987).

Der kleine Lokführer (1987).

Wir waren auch viel draußen. Die Spielplätze waren an manchen Tagen so überbevölkert, dass man um einen Platz auf dem Klettergerüst hart kämpfen musste. Wer beim “Vier-Ecken”, einem spontan erfundenen Ratespiel mit sportlicher Komponente, mitmachen durfte, war der King. Ebenso schön waren die heißen Sommertage im Garten meiner Großeltern. Dort habe ich in meiner Bude im Kirschbaum (laut Legende von mir “Hirschbaum” genannt) gelegen und geträumt oder leckere Modderpampe zubereitet. Außerdem war dort meine Raketenabschußrampe stationiert – ein altes Bürostuhlgestell mit einem Katapult oben drauf, mit dem man Plasteraketen (in der DDR hieß das Plaste und nicht Plastik!) durch den Garten schießen konnte. Ich habe Reichweiten von bis zu 30 Metern erreicht und fast nie jemanden getroffen. Später hatte ich in der Garage meines Vaters eine kleine Werkstatt, in der ich viel gebastelt habe. Ok, seien wir ehrlich, meist habe ich Dinge auseinandergelötet (der Geruch von Kolophonium flasht mich heut noch zurück) – sehr zur Freude meines Vaters und Großvaters (die heute noch ihren Radios und Multimetern nachtrauern). Im Winter haben wir große Schneehaufen aufgeschichtet und sind Ski gefahren oder haben Iglus gebaut.

Der Held und sein treues Streitroß (1987)

Der Held und sein treues Streitroß (1987)

Dann begann die Schulzeit. Wenn ich an die erste Klasse denke, liegt mir vor allem der Geruch der Schulbücher in der Nase. Wir hatten eine liebevolle, aber auch recht strenge Lehrerin, die uns einiges über Disziplin und Durchhaltewillen beigebracht hat. Ich war wohl eher der brave, strebsame Schüler. Wir hatten damals alle irgendeinen Posten in der Klasse – vom Klassenratsvorsitzenden (meist ich) bis zum Blumengießbeauftragten.

Glänzende Kinderaugen (1985).

Glänzende Kinderaugen (1985).

Schon damals zeigten sich die ersten Vorzeichen dessen, was mal mein Beruf werden sollte. Mein Vater schenkte mir mein erstes Computerbuch, ich habe es noch heute. Dann durfte ich bei meinem Großvater, der Direktor an einer Erweiterten Oberschule (sowas wie heute das Gymnasium) war, ins Computerkabinett. Dort habe ich, an einem Robotron KC85 mit Kassettenlaufwerk (ja, wirklich) und hypermoderner Folientastatur meine ersten Progrämmchen geschrieben. Es war eine schöne Zeit.

Dann kam die Wende.

Die Ereignisse warfen schon einige Zeit ihre Schatten voraus. Schulkameraden zogen mit ihren Eltern “in den Westen”. Plötzlich hatten alle Wohnungen kleine Antennen, die auf Westberlin gerichtet waren. In der Schule wurde die jeweils letzte “Alf”-Folge diskutiert. Die Stimmung der Erwachsenen schwankte zwischen Euphorie und Besorgnis. Ich war mit meinen 10 Jahren eher skeptisch, denn ich war der Meinung, im Westen würden noch bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen (keine Ahnung, woher das kam). Außerdem dachte ich, dort sei alles schwarz-weiß und nicht so schön bunt wie bei uns und ich fragte mich, wieso alle dorthin wollten. Dann waren die Grenzen auf und wir gingen durch ein Loch in der Mauer nach Westberlin, holten unser Begrüßungsgeld ab und machten eine Stadtrundfahrt. Ich kotzte den Bus voll.

Mein Reich (1992).

Mein Reich (1992).

Später fuhren wir zum Wochenendeinkauf in einen Westberliner Woolworth. Fassungslos stand ich vor den übervollen Regalen und habe mich gefragt, wer das alles essen soll und warum die Einkaufswagen hier so groß sind. Aber dann bekam ich meinen ersten kleinen Lego-Technik-Kasten und war glücklich. Vielleicht war das alles doch nicht so schlecht. Das Leben ging weiter. Wir schauten “Sat 1” – damals noch mit Kinderprogramm am Nachmittag. Erst Ghostbusters, Löwenzahn, Willow die Waldhexe, Duck Tales und Disneyclub, später dann Ghostbusters, Darkwing Duck, Simpsons und Raumschiff Enterprise. Es erzähle mir niemand, die Kinder heute würden mehr Medien konsumieren, als wir damals.

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Icke mit a) einem selbstgebauten LEGO Technic-Plotter und b) wunderschönen Haaren (1993).

Icke mit a) einem selbstgebauten LEGO Technic-Plotter und b) wunderschönen Haaren (1993).

Dann kam der erste Computer zu uns nach Hause. Ein Gerät der Firma “Epson” (ja, die haben damals auch Computer gemacht), mit 386er CPU (11 Mhz, leider in der SX-Variante ohne mathematischen Coprozessor), 1.5 MB RAM und sagenhaften 40 MB Festplatte. Dazu eine Zweitastenmaus, ein 14-Zoll-Röhrenmonitor, eine atombombensichere IBM-Tastatur und ein 9-Nadeldrucker, der den ganzen Schreibtisch zum Wackeln brachte, wenn er loslegte. Und da hat es mich dann gepackt. Natürlich habe ich viel gespielt – Monkey Island, Leisure Suit Larry, Atomix, Stunt Island, Lemmings und das legendäre Alley Cat (krasse 4-Farben EGA-Grafik, der Hammer). Aber ich habe auch programmiert, zuerst in GW-Basic, später Turbo-Basic und zuletzt Turbo-Pascal. Ja, damals gab es noch kein Internet, kein Youtube, kein Codecademy, kein Stackoverflow. Damals gab es genau EIN Buch “Die Basic-Programmiersprache”. Das wars. So hab ich programmieren gelernt. Und es war einfach herrlich! Ich hatte immer große Pläne. Manch einer erinnert sich vielleicht an den “Norton Commander”. Es gab auch einen “Martin Commander”, der allerdings nie über die Private-Pre-Alpha-Phase herausgekommen ist. Wie die meisten meiner Projekte. Aber hey, dafür ist die Kindheit da.

Neo Jr. beim Hacken (1992).

Neo Jr. beim Hacken (1992).

Und so vergingen die Jahre. Die Schule war anstrengend, aber nicht schwer. Die Tage waren angefüllt mit Computer spielen, LEGO basteln, Fahrrad fahren und manchmal auch Langeweile (hier beneide ich mich gerade selbst). Mein Musikgeschmack wechselte – von Reihardt Lakomy (“Der Traumzauberbaum”, auch heute noch wunderschön), Phil Collins und Roxette zu RMB, Dune und 2Unlimited. Seltsame Dinge geschahen mit mir, Pickel sprießten (vieeele Pickel) und es gab neue Haare an interessanten Stellen. Und irgendwie wuchs das Gefühl, dass jemand an meiner Seite fehlt. Bis zu diesem Tag im März.

Wenn ich auf meine Kindheit schaue, würde ich sie genau so wieder erleben wollen. So und nicht anders. Klar gab es auch mal schlechte Tage (wie der, als ich vorher nachgeschaut habe, was ich denn zum Geburtsag bekomme), aber insgesamt hatte ich eine behütete, wunderbare Kindheit. Sie hatte … Zauber. Das versuche ich meinen Kindern heute auch zu geben. Aber die Welt ist eine andere und ich finde, das ist ganz schön schwierig. Und jetzt bin ich auch ein wenig traurig, und wäre gerne nochmal 6 Jahre alt. Hach, es wird wohl mal wieder Zeit, mein Lego rauszukramen…