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Bella schrieb vor ein paar Tagen auf familieberlin über ihr Körpergefühl in der Schwangerschaft (Leseempfehlung!). Was mich neben diesem Thema aufweckte, war ihre Bemerkung über das 10 minütige Warten auf die U-Bahn, das für Berliner eine endlos lange Zeit ist. Und das stimmt! In meiner Heimatstadt Brandenburg ticken die Uhren anders, die Mühlen mahlen langsamer. In der Großstadt sind wir gehetzt, weil es selbst zulassen. Wir machen uns Stress.

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Zum Bus rennen – damals normal

Ich erinnere mich an meine Schulzeit, die gar nicht so lange her ist: Ich wohnte in Brandenburg am Rande der Stadt. Die Straßenbahn fuhr tagsüber nur alle 20 min – unter der Woche. Am Wochenende kommt man mit etwas Glück halbstündlich bis stündlich weg aus der Einöde, muss aber rechtzeitig zu Hause sein. Der Nachtbus fährt nur bis 23 Uhr und dann erst wieder ab 4 Uhr. Der Weg vom Bahnhof nach Hause ist zu Fuß sehr lang. Auch wenn ich heute meine Eltern bitte, noch ein wenig in Berlin zu Besuch zu bleiben, überlegen sie manchmal, ob das lohnenswert ist. Denn eine Garantie auf ein Taxi am Bahnhof gibt es nicht. Ich weiß nicht, ob Kleinstadt der richtige Begriff für einen Ort mit 72000 Einwohnern ist. Doch das Verkehrsliniennetz kommt mir so vor, beinahe dörflich. Somit rannten wir das ein oder andere Mal zum Bus, jugendlich wie wir waren. Ein halbe Stunde an der Haltestelle zu stehen, ist für junge Leute, gar für niemanden eine Verlockung. Zum Glück bekamen Sascha und ich mit 18 den Führerschein. Nur parken konnte man damals am sogenannten Hauptbahnhof nicht – es gab keine Parkplätze. Da wir das Pendeln leid waren, zogen wir an den Bahnhof und konnten immerhin das Warten und die Fahrzeit mit der langsamen Straßenbahn einsparen. Der Arbeitsweg nach Berlin war weit und wenn dann noch die Züge Verspätung hatten, verzögerte sich die Ankunft um weitere kostbare Minuten oder Stunden. Minuten, um die Sascha oft das wache Kind verpasst hat und Sohn 1.0 nicht zu Gesicht bekam. Der baubedingte Schimmel in der Bahnhofswohnung war 2012 der ausschlaggebende Grund, nach Berlin zu ziehen. Wir wohnen seit vier Jahren in dieser stressigen Stadt.

Stress hat, wer sich Stress macht

Oh, wie verlockend es ist: man geht zur U-bahn-Station, ohne vorher auf den Fahrplan zu schauen, um ja nicht die Bahn zu verpassen. Bei uns fährt die U-Bahn alle 3 – 10 min, je nach Tageszeit. Auch in der Nacht ist nicht Schluss! Dennoch gibt es Menschen, die zur stehenden U-Bahn rennen. Obwohl die Lampen leuchten, stürzen einige noch in die Bahn, trotzdem die nächste wenige Minuten später kommt. Oft sah ich, dass Leute in den Türen feststeckten und von anderen Mitfahrern befreit werden mussten, denn zu bedeutet zu. Bei Bussen kann ich es, besonders im Winter, verstehen, wenn man laut keuchend die Tür erreicht. Die fahren oft wie sie wollen, man ist froh, den beheizten Sitzplatz bekommen zu haben. Doch warum sind alle so gehetzt? Sind es wirklich die drei Minuten wert, die man früher am Arbeitsplatz ist, man dafür aber der Bahn entgegenrennen muss? Zudem gibt es auch (nicht-) witzige Busfahrer, die einen angerannt kommen sehen und dann die Türen schließen. Bämm!

Der Stress und die Ungeduld machen sich auch woanders bemerkbar: an Einkaufsschlangen, im Straßenverkehr, in Ämtern, beim Arzt und auch in der Kita. Obwohl ich alle Zeit der Welt habe, mahne ich meine Kinder zur Eile an, denn ich will schnell nach Hause. Berlin hat mich infiziert. Ich will schnell, schnell, schnell dies und jenes machen. Zumindest mit Kindern klappt das aber nicht. Man muss einen Gang zurückschalten, die nächste U-Bahn kommt irgendwann, die Tätigkeiten mit Kindern dauern länger. Darauf kann man sich einstellen. Mehr Gelassenheit und Ruhe. Wie sagt meine Mama so schön, wenn mein Sohn bei ihr ist und mal wieder schnell etwas machen will? „In Brandenburg geht alles langsamer.“ Davon können wir Berliner* uns etwas abschneiden. Nur bitte nicht bei den Buswartezeiten. Da bin ich nämlich verwöhnt.