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Überall lese und höre ich aus vielen Kreisen: „Genieße den Moment mit den Kindern, solang sie noch so klein sind.“ Da ist natürlich etwas Wahres dran, aber für mich geht es um mehr: Ums Überleben, um meine Bedürfnisse, um mich. Denn es zählen noch mehr Dinge. Vielmehr erzeugt es massiv Druck auf die eh schon gestressten Eltern. Muss man ersthaft versuchen, alles zu genießen, obwohl der Alltag nicht immer rosig ist?

Genieß den Moment – welchen denn?

Man soll ja so viel genießen: Dass sie so klein sind, dass sie friedlich stillen und meist dabei einschlafen, die Nächte, in denen man ihnen Schlaflieder singt, sofern man diesen Situationen überhaupt etwas Positives abgewinnen kann. Dazu gibt es noch viele andere Dinge.

Wie sie so drollig in ihrem Bettchen liegen, stundenlange Spaziergänge mit Kinderwagen oder Tragetuch, die ersten Krabbel- und Gehversuche und überhaupt alles. Am besten genießt man jeden Augenblick mit den Kleinen, denn sie wachsen ja so schnell. Hier bitte mein Augenrollen einfügen.

Babyzeit genießen - Geht das beim dritten Kind? | Mehr Infos auf Mamaskind.de | Meine Gedanken zum dritten Kind.
Babyzeit genießen – Geht das beim dritten Kind?

Ich kann das nicht: alles genießen

Beim ersten Kind hat man in der Regel viel Zeit, um alles an dem kleinen Lebewesen zu bewundern. Die kleinen Fingerchen, das zarte Stimmchen. Ach wie süß, wie es schreit! Das ändert sich rasant.

Beim zweiten und dritten Kind muss man sich schon Zeit nehmen, um überhaupt irgendetwas bewundern zu können. Da kommen zwischen „Ach, wie süß, die Zehchen!“ und „Wie niedlich das Baby trinkt!“ nämlich drölfzig Ladungen Wäsche, Essen machen für die stets hungrigen Geschwister und, da war ja noch was, die eigenen Bedürfnisse. Ich kann das nicht alles jederzeit genießen.

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Eigene Bedürfnisse beachten – trotz Kindern

Ich bin nie auf den Achtsamkeitszug mit Meditation, Atemübungen etc. aufgesprungen. Selbst Yoga war mir schon zu viel. Ich wollte das ganze Chichi nicht. Dennoch weiß ich: Ich brauche Pausen. Meine Hobbys sind mir wichtig und dabei soll nicht ständig ein Kind an mir kleben.

Es ist illusorisch, dass man jeden Moment mit Kind genießen kann.

Ich möchte lesen, zocken und schreiben. Mit kleinem Baby erschien mir selbst ein Drogeriebesuch ohne Kind wie ein Erholungsurlaub. Kurz verschnaufen und nicht alles niedlich finden müssen. Da ich fühl ich glatt mit dem Neinhorn-Kinderbuch* (Werbelink) mit. Zu viel Plüsch tut mir nicht gut.

Großer Bruder - kleine Schwester. Ich sauge diesen Moment ein.
Großer Bruder – kleine Schwester. Ich sauge diesen Moment ein. <3

Kein Kind läuft einfach so mit

Das geht spätestens dann nicht mehr, wenn man ein Kind hat, das eben anders als andere ist. Z. B. Weil es krank ist oder besonders viel Aufmerksamkeit benötigt. Oder weil es nicht das erste Kind ist. Denn kein Kind läuft einfach so mit. Jedes Einzelne braucht dedizierte Aufmerksamkeit der Eltern.

Worte schaffen Druck

Und genau diese Sätze schaffen Druck von außen. Ich weiß noch, wie mir eine Bekannte ins Gesicht sagte: „Genieß es, solang sie noch so klein sind.“ Das erzeugte eine kleine, schmerzende Kugel in meinem Bauch. Dabei dachte ich nur daran, wie wir in dem viel zu trubeligen Alltag ins Schwimmen kamen. Wie soll das gehen, all das zu genießen, wenn es doch an allen Ecken und Kanten hakt?

Im Rückblick auf das erste Jahr mit drei Kindern wüsste ich nicht, was ich hätte anders oder einfacher machen können. Das Dorf zur Betreuung fehlte eben. Wir haben nur die Kita und Schule, die uns bis in den frühen Nachmittag hinein unterstützen.

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Und das auch nur wenn keine Schließzeit ist oder – schlimmer noch – Corona-Krise. Wir sind permanent unter Stress, weil immer ein Kind Hunger hat, eins etwas spielen will, ein anderes aber nicht rausgehen mag usw. Hier prallen fünf verschiedene Bedürfnisse aufeinander.

Kostbarer Moment: die drei Kinder unter sich, lachend. - Restaurant in Buckow
Kostbarer Moment: die drei Kinder unter sich, lachend.

Auf das Herz hören

Ja, wir genießen Momente, aber nur jene, die wir aktiv wahrnehmen. Es geht nicht darum, jeden einzelnen Moment aufzusaugen. Das klappt bereits mit einem Kind nicht mehr.

Vielmehr möchte ich die Momente sammeln, die ich selbst mit meinen Kindern im Hier und Jetzt erlebe. Nach der Babyphase sind das im Kleinkindalter das erste Mal Schaukeln, Fahrradfahren oder die Sitzbank streichen. Momente, die Kinder stolz machen, in denen man ihnen von den Augen ablesen kann, dass sie selbst stolz sind.

Ich möchte nicht von außen gesagt bekommen, dass wir dies und jenes genießen müssen. Das erzeugt Druck. Und den kann ich im Alltag mit drei Kindern nicht gebrauchen. Ich genieße die schönen Momente – aber bitte nicht auf Zuruf.

Muss ich wirklich versuchen, jeden Moment zu genießen? Ich glaube nicht. - Mamaskind.de
Muss ich wirklich versuchen, jeden Moment zu genießen? Ich glaube nicht.