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Die Geburt und die ersten Monate mit dem neuen Kind sind bei werdenden Eltern häufig Gegenstand romantischer Vorstellungen und Tagträume. Nach zwei Kindern kann ich sagen: die Wirklichkeit sieht ein wenig anders aus. Ich wünschte, man hätte mich damals auf einiges hingewiesen, dann wären mir Ärger und viel Geldausgeberei erspart gewesen. Deshalb sind hier, exklusiv für werdende Eltern, meine 10 Dinge, die ihr unbedingt vorher wissen solltet.

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Tipps für werdende Eltern aus Sicht eines Papas

Schlaf, ein unterschätzter Freund

Dass Neugeborene am Anfang nicht durchschlafen, ist bekannt. Dass Schlafmangel der Horror schlechthin sein kann, weniger. Wer wissen möchte, wie die Nacht mit einem Neugeborenen ist, der kann folgenden Test machen: Man haue sich oder – abhängig von der Paardynamik – dem Partner mit dem Hammer auf den Daumen, nehme den Schmerzensschrei auf und benutze ihn als Weckton. Den Handywecker stelle man auf 23 Uhr, 2 Uhr und 4 Uhr und auf volle Lautstärke. Klingelt, oder besser: schreit der Wecker, hechte man sofort aus dem Bett (Snooze gilt nicht!) und stelle sich 20 Minuten lang frei in den Raum. Dann gehe man wieder schlafen. Das war dann EINE Nacht mit Baby. Die ganz Harten ziehen das zwischen zwei Wochentagen durch. Meine Empfehlung: holt euch vor der Geburt soviel Schlaf, wie ihr nur könnt! Schlaft im Stehen, im Sitzen, im Liegen, zwischen zwei Meetings, auf dem Klo,  in der Bahn, NICHT im Auto, vor dem Fernseher, kurz: schlaft bei jeder Gelegenheit, bis ihr euer Bett nicht mehr sehen könnt. Dann habt ihr für die ersten paar Tage einen kleinen Vorsprung.

Teurer Plunder

Ein Baby ist teuer. Viele Dinge müssen exklusiv für das kleine Mäuschen angeschafft werden. Macht bloß nicht den Fehler und hört auf die Werbeindustrie. Entgegen deren Beteuerungen braucht ihr kein Fläschchendesinfektionsgerät, ein Kochtopf mit Wasser tut es auch. Ihr braucht keinen speziellen Windelmülleimer mit speziellen, sauteuren Müllbeuteln, ein simpler verschließbarer Mülleimer mit Standardmüllbeuteln ist dieser Aufgabe bestens gewachsen. Wenn man den Eimer jeden Tag leert, kommt es auch nicht zu ohnmachtsinduzierender Geruchsbildung.  Ach ja, und ein Kinderwagen muss nicht weit über 1000 Euro kosten. Den braucht ihr genau ein Jahr, vielleicht auch ein bisschen länger, aber dann verkauft ihr ihn zu einem Bruchteil des Preises. Meine Empfehlung für einen guten Kinderwagen: er sollte dem Kind ermöglichen, flach darin zu liegen. Diese Kinderwagen-und-Babyschale-in-einem-Wagen finde ich persönlich grässlich, weil das Kind darin regelrecht eingequetscht wird. Wer nicht ebenerdig wohnt, sollte dringendst über eine entnehmbare Tragetasche für das Kind nachdenken. Die Liegefläche sollte groß genug sein, damit das Kind Luft zum Atmen hat. Und die Vorderräder sollten in der Hochachse drehbar sein (wie beim Einkaufswagen), das verbessert die Manövrierfähigkeit enorm. Wer ein Auto hat, teste VOR dem Kauf, ob der Wagen reinpasst. Ach, und die Feststellbremse sollte von guter Qualität sein, die geht erfahrungsgemäß zuerst kaputt. Im Zweifelsfall sollte die Praktikabilität Vorrang vor dem hübschen Blümchenmuster haben. Ein Kinderwagen ist für unter 500 Euro locker zu bekommen. Legt den Restbetrag lieber für´s Studium der Kinder an.

Die Auswahl der Geburtsklinik – eher pragmatisch als romantisch

Bei der Wahl des Krankenhauses für die Entbindung hatten wir es einfach – in unserem kleinen Städtchen gibt es nur eins mit Kreißsaal. Wer die Wahl zwischen mehreren Einrichtungen hat, der achte vor allem auf die Kompetenz der Mitarbeiter und weniger auf den Schnickschnack, der dort angeboten wird oder die hübsche Einrichtung des Kreißsaals. Wassergeburt, Meditation und Bachblütentherapie sind völlig zwecklos, wenn es Schwierigkeiten gibt. Dann ist eine erfahrene Hebamme, die unter Stress die richtigen Entscheidungen treffen kann, Gold wert. Und im Zweifel sollte immer das nächstgelegene Krankenhaus gewählt werden. Mit einer Frau in den Wehen zig Kilometer durch den Großstadtverkehr zu schleichen oder gar in die nächste Stadt zu fahren ist eine weniger gute Idee.

Weinen und Schreien

Kleine Kinder weinen. Das ist ihre einzige Möglichkeit, ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Und, oh boy, sind die unzufrieden. Das Schlimme: Babys haben dabei eine ganz besondere Frequenz drauf, die sich direkt, ohne Umweg über Ohren und Synapsen zum Limbischen System durchgräbt, dort uralte Reflexe aktiviert und einen sofort gefügig macht. Dein sehnlichster Wunsch ist es von nun an, jeden Wunsch deines Kindes zu erfüllen, wenn es nur aufhört zu weinen. Stundenlange Beschallung mit Musik wird gemeinhin als Foltermethode benutzt, Babygeschrei würde den gleichen Effekt innerhalb weniger Minuten erreichen. Unsere Kinder konnten ohne warnendes Gejammer und sogar ohne Luft zu holen aus dem Stand mit voller Lautstärke losplärren, was insbesondere nachts um drei dazu führt, dass einem das Adrenalin aus allen Körperöffnungen schießt. Das nur als kleine Warnung.

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Ein neuer Mittelpunkt des Universums

Vielleicht hängt der eben erwähnte Effekt beim Schreien mit dem allgemeinen Realitätsverzerrungsfeld zusammen, das Neugeborene auszustrahlen scheinen. Denn sobald das Kind da ist, zieht es sämtliche Aufmerksamkeit der Anwesenden wie ein schwarzes Loch an. Zu Besuch bei den Großeltern wird das Kind geherzt und betuddelt, während man als stolzer Vater höchstens noch per Kopfnicken begrüßt wird. Ich nehme das jedoch als Kompliment und fühle mich in ihren Klub aufgenommen. Vom Kind hingegen wird jeder Gluckser kommentiert, jede Bewegung mit großem Buhei wahrgenommen. Wir haben vom ersten Lebenshalbjahr unseres Sohnes mehr Fotos, als es von meiner Frau und mir zusammen gibt.

Kinder verändern auch die Sicht auf bestimmte Dinge. Ich kann keine Filme mehr schauen, in denen Kinder zu Schaden kommen. Nachrichten von Kindern, denen Gewalt angetan wurde, oder die vermisst werden, sorgen bei mir für Albträume. Und ich bewerte jede Umgebung, in die ich komme, automatisch nach Kleinkind-Gefährdungspotential. Ich habe mich bei Partys schon des öfteren dabei ertappt, wie ich die Gläser der anderen (erwachsenen) Gäste weiter auf den Tisch gestellt habe, aus Angst, sie werfen sie mit ihren kleinen Patschehändchen um. Und bei Meetings verwende ich erfolgreich die Phrase: “Nicht streiten, das kann der Papa jetzt nicht haben!” (mit strenger Papa-Stimme) – Danach herrscht meist betretenes Schweigen.

Spazierengehen – ein Staatsakt

Frische Luft ist ja wichtig für Babys. Leider ist das Spazierengehen erstaunlich kompliziert. Zunächst muss der richtige Moment abgepasst werden – sonst ist man 10 Minuten draußen und hat ein vor Hunger brüllendes Kind. Folgende Reihenfolge hat sich bewährt:

  1. Warten bis Kind aufwacht, dabei schon mal den Kinderwagen klar machen
  2. Stillen
  3. Windeln
  4. Kind anziehen
  5. Kind in Kinderwagen legen
  6. Schnell selber anziehen, bevor Kind mit Schreien anfängt, weil ihm warm ist
  7. Kind mit Kinderwagen die Treppe runterhieven
  8. Spazierengehen bis Kind wieder aufwacht (ca. 3-4 Stunden)
  9. Kind mit Kinderwagen die Treppe hochhieven
  10. Eigene Klamotten in die Ecke schmeißen, weil Kind schon quengelt
  11. Kind ausziehen
  12. Stillen
  13. Windeln
  14. Kind wieder ins Bett legen
  15. Vor Erschöpfung zusammenbrechen

Ratschläge von anderen

Bisher war der buckligen Verwandtschaft vor allem die mangelhafte Putztätigkeit des jungen Paares ein Dorn im Auge. Mit Kind eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten der Kritik. Die junge Generation zieht die Kinder zu weich heran, da muss mal richtig durchgegriffen werden. Und raus an die frische Luft gehen die auch nie! Beliebte Themen sind weiterhin die Anzugsordnung des Kindes (zu viel/zu wenig), das Essverhalten (zu viel/zu wenig) oder die Frequenz der Besuche bei Omi und Opi (immer zu wenig). Manchmal haben die Alten ja durchaus ein paar sinnvolle Ratschläge parat, aber letzten Endes muss man immer bedenken: die haben seit mindestens 20 Jahren kein Baby 24 Stunden am Tag betreut.

Unglücklicherweise gibt es aber noch mehr “Experten” in der näheren Umgebung, seien es Freunde, Bekannte oder völlig Fremde. Besonders dreist finde ich da Leute, die selber keine Kinder haben, aber offenbar die totalen Experten für Kindererziehung sind und zu allem eine ganz klare Meinung haben. Hier hilft Nicken und einfach Ja-sagen, zusätzlich sollte man sich die Sprüche aber merken und sie dem Experten, wenn er denn mal selber Vater ist, genüsslich aufs Brot streichen. Ich gebe ja hier auch Ratschläge, aber im Gegensatz zu den vorgenannten ist mir völlig schnuppe, ob ihr auf mich hört oder nicht. Ich übe hier nur Schreiben.

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Geschenke von anderen

Geschenke sind ein Kapitel für sich. Geschenke wird es geben. Nicht für die Eltern (obwohl die die ganze Arbeit haben) – für das Kind. Unpassende Geschenke. Nicht altersgerechte Geschenke. Geradezu gefährliche Geschenke. Extrem laute und nervige Geschenke. Und vor allem: unendlich viele Geschenke. Wenn das Kind das Glück hat, noch den kompletten Satz Urgroßeltern zu haben und dazu noch die eine oder andere Tante, dann kommt zu Weihnachten ganz schön was zusammen. Wenn wir nicht des öfteren ausmisten würden, wären die Kinderzimmer jetzt bis unter die Deckenlampe gefüllt. Da es schon mehrfach Familienkrach wegen unabgesprochener Geschenke gab, haben wir zwei Strategien entwickelt. Zu Weihnachten sammeln wir Geld von allen ein, kaufen Geschenke und legen sie unter den Weihnachtsbaum. Zum Geburtstag kaufen wir die Geschenke ebenfalls, lassen sie aber von den Geburtstagsgästen übergeben. Das funktioniert prima, denn so gibt es keine Enttäuschungen wegen doppelten Geschenken und oben genannte Nervgeschenke bleiben ebenfalls aus. Der Nachteil: jetzt haben wir das Geschenkeaussuchen an der Backe. Tja, was tut man nicht alles für den Familienfrieden.

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Kuscheln mit Papa <3

Die Sache mit der Konsequenz

Konsequenz, ja, da war mal was. Als wir noch keine Kinder hatten, da waren wir auch sehr konsequent in der Erziehung. Immer wenn wir eine Mutter sahen, die im Supermarkt ihre Kinder angebrüllt hat, war uns klar: so ein Noob, die hat ja wohl gar keine Ahnung von Erziehung. Heute verstehen wir die Mutter total und haben großen Respekt vor ihr, weil sie das Erziehungsding vor allen Leuten durchzieht. Die (vor allem von der älteren Generation) vielgelobte Konsequenz ist durchaus eine gute Sache, aber man sollte es nicht übertreiben. Das Kind wird nicht zum irren Serienmörder, wenn es mal lange aufbleibt oder die ganze Flasche Cola trinkt. Es ist auch nicht immer möglich, jeglichen Konflikt mit dem Kind pädagogisch einwandfrei zu klären. Dafür fehlt mir jedenfalls die Kraft. Und meine Kinder sind bisher trotzdem ganz gut geraten. Also: lasst es ruhig angehen. Und immer ein bisschen Schokolade zur Notfall-Bestechung in der Tasche haben!

Alles nur eine Phase

Kleine Kinder machen manchmal seltsame Sachen. Das kann einem schon mal Angst machen. Glücklicherweise dauern diese Phasen nie sehr lange. Wir hatten schon die “Ich spreche nur noch wie John Wayne”-Phase, die “Ich will nicht leben”-Phase (die war gruselig!), die “ich zieh mir Mamas Schlüpper übern Kopp”-Phase, die “Ich male Möbel und Wände an”-Phase und die “Ich komme jede Nacht in Papas Bett”-Phase und noch diverse andere. Hier heißt es cool bleiben. Wer in Panik gerät und das Kind zum Psychiater schleift, macht alles nur viel schlimmer. Meist sind das nur Rufe um Aufmerksamkeit. Dann hilft ausführliches Spielen und Kuscheln. Nur wenn´s mehrere Monate anhält, sollte man sich doch mal Sorgen machen.

Rituale sind eine feine Sache

Ich bin der Meinung, die Kirche wusste genau, was sie tat, als sie die Sonntagsmesse und all die anderen religiösen Happenings erfunden hat. Rituale geben dem Tag Struktur und beruhigen Erwachsene wie Kinder. Wenn der Abend immer gleich abläuft, weiß das Kind, wann Schlafenszeit ist und schläft im Idealfall allein ein. In der Praxis wird es natürlich noch drei bis fünf Probleme haben, die dringend geklärt werden müssen. Neugeborene in einen Rhythmus zu pressen ist in letzter Zeit aus der Mode gekommen, was ich grundsätzlich begrüße. Wenn man allerdings das Gefühl hat, das Kind versteht den grundlegenden Tagesablauf, dann kann ein bisschen Alltags-Standardisierung wahre Wunder beim Ein- und Durchschlafen bewirken. Und für die Erwachsenen ist es auch nicht schlecht, haben sie doch die Chance auf eine selbstbestimmte Abendgestaltung. Und es soll ja Eltern geben, die letztere dann gleich zum Ansetzen des nächsten Kindes nutzen. Na dann wünsche ich gute Verrichtung!

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