Manchmal kommt alles anders als man denkt. Hier erzählt Gastautor Martin (nicht Sarahs Mann) von seinem Wechsel vom Softwareentwickler zum Grundschullehrer.

Es muss sich was ändern: innerliche Leere

Freitag, 1. Juli 2016, 8:30

Ich sitze in meinem Büro, anderthalb Pendelstunden von zu Hause entfernt und soll programmieren, aber – ich spüre es – das wird heute wieder nichts. Es ist totenstill und ich denke über mein Leben nach.

Mit acht Jahren habe ich mein erstes Programm geschrieben, ein Zahlenratespiel in Basic am Robotron KC85/2. Die nächsten 20 Jahre wollte ich nichts anderes machen. Programmieren ist geil. Die Zahlen, Variablen und Kommandos tanzen in deinem Kopf, fließen durch deine Hände und werden am Bildschirm zu elegantem Code, der die Welt bewegen kann. Stunden vergehen, ohne das du es merkst, im Flow vergisst du das Universum, den Feierabend und das Mittagessen. Fast wie Sex, nur mit weniger Sauerei danach (wobei, wenn ich frühe Programme von mir so ansehe…).

Leere und tödliche Langeweile als Softwareentwickler

Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal im Flow war. Es gelingt mir nicht. In mir herrscht Leere und tödliche Langeweile. Immer die gleichen Probleme, immer die gleichen Fehler, alles ist irgendwie farblos und öde.

Wo ist der Enthusiasmus hin, wo der Spaß am programmieren?

Was dir niemand sagt: als Softwareentwickler schreibst du Code, aber es ist nicht deiner. Du übersetzt die Ideen anderer, nach Regeln, die andere aufgestellt haben, in eine Sprache, die andere erfunden haben, so dass der Computer, dieses unendlich dumme Stück Silizium, es versteht und hoffentlich auch ausführt. Du bist lediglich ein Mittler, bestenfalls ein Übersetzer aber du bist nicht kreativ, nicht originell.

Wie ich Lehrer wurde - Martin beschreibt seinen Weg vom Programmierer zum Lehrer. | Mehr Infos über den Werdegang als Quereinsteiger als Lehrer auf Mamaskind.

Wie ich Lehrer wurde – Martin beschreibt seinen Weg vom Programmierer zum Lehrer.

Ich lehne mich zurück, an diesem sonnigen Freitag Morgen, und schaue aus dem Fenster. Die Bäume sind grün, der Himmel blau, die Vögel singen und ich wäre gern überall, nur nicht hier, an meinem Schreibtisch. Es muss sich was ändern.

Neuanfang –  als Quereinsteiger vom Programmierer zum Lehrer

Fast forward, Freitag, 20. Oktober 2017, 7:59.

Ich stehe in einem Klassenzimmer und der Lautstärke nach zu urteilen, herrscht gerade ein fröhlicher und sehr bunter Bürgerkrieg. Jack hat aus Versehen Kleopatras (Namen sind geändert, aber nicht viel) Schulsachen runtergeschmissen, weshalb Kleopatra den armen Jack ordentlich in der Mangel hat. Weiter hinten hat Jackson dem Tyler Knete in die Haare geschmiert. Von mehreren Seiten bekommt Tyler gerade Scheren angeboten.

Andere Kinder üben den “Deppen”, eine offenbar bei Youtubern sehr beliebte Pose. Der “verhaltensoriginelle” John ordnet seine Hefte und Bücher akkurat der Größe nach und richtet sie mikrometergenau am Tisch aus. Hoffentlich stößt keiner dagegen, sonst gibt es wieder einen “Vorfall”.

An der Tür klickt der Minutenzeiger auf die volle Stunde. Ich mache ein paar Schritte auf die Klasse zu, stelle mich breitbeinig und mit verschränkten Armen hin, räuspere mich geräuschvoll und schaue in die Runde. Langsam wird es leiser, bis schließlich auch der Letzte begriffen hat, dass ich anfangen möchte.

Die folgenden 90 Minuten wiederholt die 5. Klasse, die ich an diesem Morgen unterrichte, alles zum Thema “große Zahlen”: aufschreiben, benennen, addieren, subtrahieren. Außerdem rechnen wir Einheiten um und spielen mit Zehnerpotenzen. Mehrmals erkläre ich ausführlich, wie man große Zahlen rundet, aber bei einigen will der Groschen einfach nicht fallen.

Mein Hirn läuft auf Hochtouren, sucht andere Worte, einfachere Worte, Visualisierungen, Veranschaulichungen. Ich beobachte die Klasse, sehe, wo es klick macht und wo sich Unruhe ausbreitet. Nicht immer gelingt es mir, die Klasse im Griff zu behalten. Ich habe noch viel zu lernen und das ist gut so. Ich habe keine Zeit, um über irgendetwas anderes nachzudenken oder aus dem Fenster zu schauen. Und es ist toll, dass ich jetzt genau hier bin.

Leben und gelebt werden

Dies ist mein sechster Job (Ferienjobs nicht mitgerechnet). Vier der ersten fünf Jobs hatte ich jedesmal innerhalb einer Zeitspanne von 8 Stunden bis 3 Jahren innerlich gekündigt – und wenig später meist auch in der Realität. Irgendwie hat es mich immer auf Einzelkämpferpositionen verschlagen.

Ich war “der IT-Typ”, das Mädchen für alles. Einzelkämpfer zu sein, hat den Vorteil, dass niemand versteht, was du tust. Und es hat den Nachteil, dass niemand versteht was du tust. Ach, und Urlaub hat man eigentlich auch nie so richtig. Trotzdem bist du letzten Endes nur eine “humane Ressource”, eine Kostenstelle, ein Rädchen im Getriebe.

Wie viel Verantwortung du hast, wie sehr deine Arbeit geschätzt wird, merkst du, wenn du gefeuert wirst, weil eine verfickte Zahl in einem blöden Spreadsheet auf dem dämlichen Computer eines dummen Managers um null Komma fünf Prozentpunkte zu niedrig ist. Vielleicht sind das alles gute Gründe für den Wechsel, vielleicht ist es aber auch einfach die Tatsache, dass du dir manchmal Lebensentwürfe aussuchst, die zu deinen Träumen passen, aber nicht zu dir.

Immer wenn ich in den letzten Wochen Freunden und Bekannten von meinem Wechsel berichtet habe, kam die gleiche Reaktion: hochgezogene Augenbrauen und ein verwundertes:

“Aber…warum???”

Offenbar scheint es für viele Menschen – auch für Eltern kleiner Kinder – unvorstellbar zu sein, mit Kindern zu arbeiten. Ich gebe zu, auch für mich war dies erst ein absurder Gedanke. Ich, der am liebsten allein, in aller Stille irgendwo in der Ecke sitzt und vor sich hin friemelt, ich soll vor einer Klasse stehen?

Nun wie sich herausstellt, so schlimm ist es nicht. Vieles in meinem bisherigen Berufsleben hat mich auf diesen Moment vorbereitet: die Workshops und Seminare, die ich vor Kollegen gegeben habe. Die Verkäuferschulung. Sogar dieser absurde Lehrgang, wo der Lehrer uns auf dem Boden des Büros hat rumkriechen lassen. Da hat er uns nämlich auch gezeigt, wie man seine Stimme in den Raum projiziert, sehr nützlich vor einer Klasse.

Lehrer ≈ Programmierer?

Klar, die erste Woche war ein absoluter Schock. Der Lärm, die Vielzahl an Sinneseindrücken, der Lärm, die ganzen neuen Fachbegriffe und der Lärm waren eine harte Prüfung für meine sensiblen Nerven. Aber vielleicht ist es mit Nerven, wie mit Muskeln. Die werden auch stärker, wenn sie beansprucht werden.

Und so tanze ich jetzt jeden Tag auf dem Vulkan vor der Klasse und versuche mein Bestes. Unter uns Codemonkeys: so sehr unterscheiden sich Softwareentwickler gar nicht von Lehrern. Beide müssen komplizierte Sachverhalte in einfachen Worten Leuten erklären, die mit glasigen Augen vor ihnen sitzen.

Wobei sich Manager als weitaus lernresistenter herausgestellt haben, als Schüler. Letztere glauben wenigstens nicht, schon alles zu wissen. Lehrer und Programmierer benutzen viele Fachbegriffe und Abkürzungen (HTML, DSL, REST hier, LRS, SuS, LB da). Und beide Berufsgruppen lieben Spielzeug und lassen sich mit Fachfragen prima ablenken.

Lehrer haben aber (momentan gefühlt) auch einige Vorteile: sie haben relative Freiheit in der Art und Weise, wie sie ihr Wissen vermitteln. Die anstrengende Arbeit konzentriert sich auf die Vormittagsstunden (yay, keine Meetings nach 16 Uhr mehr). Und man kommt unter Leute (okay, es sind hauptsächlich kleine Leute, aber die sind ohnehin meist interessanter als die großen). Und das Beste: ich darf endlich auch die Insignien der Lehrermacht nutzen – den Rotstift und den Lehrerplaner. Die haben mich schon als Schüler fasziniert.

Im Moment fühlt sich der Wechsel ziemlich gut an. Der Job ist eine riesige Herausforderung, aber genau das brauche ich wohl. Ob ich dabei bleibe? Keine Ahnung. Erstmal überleben. Als Quereinsteiger bekommt man hier eh nur Jahresverträge, daher gibt es Möglichkeiten zum Ausstieg.

Keine Dogmen mehr, kein in der Falle sitzen. Wenn es mir nicht mehr gefällt such ich mir das nächste. Wie ich gelernt habe, ist das gar nicht so schwer. Im Moment vermisse ich die IT überhaupt nicht. Seit ich vor der Klasse stehe, sind meine Bauchbeschwerden praktisch verschwunden, mein Knie tut nicht mehr weh, die Augen sind besser und mein Rücken scheint das Stehen auch zu mögen. Und das allerwichtigste: ich gehe abends mit dem Gefühl ins Bett, etwas geschafft zu haben.