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Abstrakte Kunst

Eins meiner neueren Hobbys: Abstrakte Kunst

Zuerst lieben die Kinder ihre Eltern. Nach einer gewissen Zeit fällen sie ihr Urteil über sie. Und selten, wenn überhaupt je, verzeihen sie ihnen.

Oscar Wilde

Meine liebe Frau und ich, wir leisten uns momentan einen geradezu unglaublichen Luxus. Wir gehen spazieren. Abends. Allein. Ohne Kinder! Ist das schön! Allein die Möglichkeit, einen Satz zu Ende zu sprechen. Normalerweise reden wir immer nur stoßweise, denn wir wissen: weiter als bis zum Partizip kommen wir wahrscheinlich nicht, bevor wieder irgendeine Frage gestellt, oder auf den neuesten Hundehaufen am Wegesrand hingewiesen werden muss. Aber meistens sagen wir gar nichts und genießen die Stille. Wisst ihr noch, wie Vogelgezwitscher klingt? Wir jetzt schon!

Zeit zu zweit ohne Kinder genießen

Der Weg dorthin war ziemlich lang. Wir wären auch nie darauf gekommen, wenn uns ein Bekannter nicht auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht hätte. Der Widerstand der Kinder war zunächst ganz beträchtlich. Da wurde geheult und geschimpft, als würden wir ohne sie irgendwo anders ein neues Leben beginnen wollen (manchmal schon ein verlockender Gedanke, nicht wahr?). Wir sind dann beim ersten Mal mit furchtbar schlechtem Gewissen um den Block gerannt, waren nach 10 Minuten wieder zu Hause und was fanden wir vor? Das Wasser war noch im Hahn, niemand hatte sich an die städtischen Elektrizitätswerke angeschlossen, Morde und satanische Rituale hatten auch nicht stattgefunden. Beide Kinder – normalerweise haben sie ein ebenso freundliches Verhältnis wie die USA und die UDSSR in den 1960ern – saßen einträchtig nebeneinander und Sohnemann hat Töchterchen aus ihrem Lieblingsbuch vorgelesen. Seitdem ist das Eis gebrochen, wir drehen regelmäßig unsere Runden und werden mittlerweile auch schon mal gefragt, ob wir nicht mal wieder spazieren gehen möchten. Die jungen Herrschaften möchten schließlich auch ihre Ruhe haben.

Kinder in meinem Bett? Niemals!

Zeit, die Eltern ganz für sich haben – ob nun zu zweit, oder allein – ist in meinen Augen das Wertvollste (gleich nach den kleinen Wonneproppen und dem geliebten Partner), das Eltern besitzen. Diese Zeit gilt es zu schaffen und zu hüten. Mir sind meine ein, zwei Stunden abends heilig. Unsere Kinder wissen: nach dem Abendbrot wird gewaschen, es gibt ein paar YouTube-Videos oder ein Vorlesekapitel, einige Streicheleinheiten und DANN WARS DAS! Natürlich versuchen sie die üblichen Tricks. Bringt man ein Kind in horizontale Lage, scheint irgendein physiologischer Vorgang anzulaufen, der nach kurzer Zeit für extremen Durst und / oder heftigen Harndrang sorgt. Außerdem leert das Kind seine internen Speicherbänke und sagt alles, was es bis dato noch sagen wollte. Das Kind wird in solchen Fällen mit sanftem Nachdruck um 180° um die Y-Achse gedreht und anschließend beschleunigt. Nach mehreren Versuchen hat es verstanden und geht ins Bett – wenn auch nur kurz. Aber irgendwann vor acht ist immer Feierabend. Und dann beginnt die Elternzeit – die meist darin besteht, völlig erschossen auf der Couch zu liegen und fern zu sehen.

Ach ja, am Allerheiligsten ist mir natürlich mein Schlaf. So lieb ich meine Kinder habe – und ich hab sie lieb, wie sonst nichts auf der Welt – in meinem Bett schlafen sie nicht! Wenn ein Kind nachts kommt, was ab und zu passiert, dann darf es unter die Decke schlüpfen, wird kurz aufgetaut und dann muss es wieder ins eigene Bettchen marschieren. Einmal habe ich die Nacht mit meinem damals zwei Jahre alten, total verschnupften Sohn, im selben Bett verbracht. In jener Nacht habe ich geträumt, ein riesiger schwarzer Stier mit glühend roten Augen stünde vor mir und würde mich anschnaufen. Davon bin ich aufgewacht, nur um meinen Sohn in circa einem Zentimeter Abstand vor meinem Gesicht vorzufinden – tief schlafend und mit der Nase fröhlich Blasen werfend. Nee, das brauche ich nicht mehr.

Wenn die schlimmste Kleinkindzeit vorbei ist und es tatsächlich wieder Augenblicke gibt, in denen die Kinder einen nicht mehr brauchen, dann entdeckt man plötzlich: Hui, ich bin ja gar keine Arbeits- und Bespaßungsmaschine! Ich bin ja ein Mensch mit eigenem Willen und eigenen Wünschen. Und, sacre bleu, ich habe jetzt auch die Zeit, sie mir zu erfüllen! Man schafft sich quasi wieder eine eigene Identität, von der man gar nicht wusste, dass man sie verloren hat. So ging es mir jedenfalls.

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Schlechtes Gewissen, neue Probleme und ein bisschen Hoffnung

Natürlich hat man als hingebungsvoller, liebender Vater anfangs mit heftigem schlechten Gewissen zu kämpfen. Aber da kann ich beruhigen: das geht vorbei. Nicht zuletzt, weil man zuschauen kann, wie die Kinder an solchen Herausforderungen wachsen. Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, dass meine Kinder nach mehreren Anläufen dann doch etwas entdeckt haben, das sie allein spielen können. Dass sie für Probleme, für die sie mich vorher unbedingt gebraucht haben, nun eigene Lösungen finden. Oder dass sie allein und ohne großes Brimborium einschlafen. Gut, bei Letzterem spricht der Optimist aus mir, aber man wird ja hoffen dürfen. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass alle gewinnen.

Daraus entsteht aber wieder ein neues Problem: was tun mit all der schönen Freizeit? Nochmal GTA San Andreas bis 100 % durchzocken? Na ja, dafür ist mir die Zeit dann auch zu schade. Aber ha! Ich habe doch meine ganzen neuen Hobbys, von denen ich die letzten 5 Jahre geträumt habe! Teilweise habe ich sogar signifikante Ausgaben getätigt, nur um dann zu bemerken: Ach, ich hab ja Kinder, ich hab ja gar keine Zeit! Ich könnte jetzt also endlich malen, E-Gitarre lernen, in meinem Bastelkeller verschwinden, Gedichte schreiben, Sterne gucken, Quadrocopter fliegen, mein Minecraft-Anwesen ausbauen, oder meine Kerbal Space Station. Oh Gott, so viel Auswahl, ich werd irre! Na gut, entscheiden wir uns für den Kompromiss und schauen YouTube-Videos.

Und wenn man ein paar Wochen mit der hektischen Ausübung von allerlei Hobbys verbracht hat, begreift man: diese Elternzeit, die bleibt. Die geht nicht wieder weg. Und dann beruhigt man sich und fängt an zu genießen. Es gibt Hoffnung!

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