Im Gespräch mit meiner Mama und meiner Tante ging ich der Kindererziehung in der DDR auf die Spur. Sie berichteten mir, wie es bei ihnen war. Ich stellte Fragen über ihre Arbeitszeit, die Kinderbetreuung, Kindergärten in der DDR und der Arbeitsteilung von Frauen und Männern. Obwohl sie vieles schön fanden, war nicht alles so. Natürlich kann es in anderen Familien anders gewesen sein. Das Gespräch zeigt ihre persönlichen Eindrücke zu den Frauen in der DDR.

Lange Arbeitszeiten – Teilzeitarbeit in der DDR

Ich las vor einer Weile den Anfang des Buches Frauen in der DDR (Amazon-Werbelink) und fand das alles furchtbar spannend aber auch sehr anstrengend für die Frauen. Alles sollten sie allein wuppen, die Männer waren arbeiten. Aber, jetzt kommt’s, sie arbeiteten ebenfalls: oft Vollzeit.

Als (fast) gleichberechtigte Partner regeln mein Mann und ich alles gemeinsam. Fast gleichberechtigt, weil der Gehaltsunterschied immens ist und somit Elternzeit bspw. nicht fair teilbar ist. Doch den Rest rund um Haushalt, Einkaufen, Kinderbetreuung teilen wir uns. Für mich wäre es nicht vorstellbar, Vollzeit zu arbeiten, Kinder zu betreuen und nebenbei den Haushalt zu schmeißen, weil einige Männer das genau so in der DDR erwarteten.

Meine Mama berichtet, dass sie vor und nach der Schwangerschaft in der DDR acht Stunden arbeitete. Dazu kamen 15 Minuten Frühstücks- und 30 Minuten Mittagspause, bevor es wieder im Akkord an die Nähmaschine ging. Nach der Geburt 1987 setzte sie ein Jahr mit mir aus und bekam vom Staat auch Geld dafür. Teilzeitarbeit war auf Antrag wohl auch möglich, wenn es die Erfordernisse des Betriebs ermöglichten.

Ich trug schon als Baby Blau! Einen tollen Strampler, der von meiner Oma gestrickt wurde. <3 | Über das Leben von Frauen in der DDR: Kindererziehung, Job und Haushalt | Mehr Infos auf Mamaskind.de

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Bezahltes Babyjahr in der DDR

„Ab 1986 konnte das bezahlte „Babyjahr“ bereits beim ersten Kind in Anspruch genommen werden und zudem bei der Geburt des dritten Kindes noch einmal um ein halbes Jahr verlängert werden. Auch konnten nun Väter das bezahlte „Babyjahr“ in Anspruch nehmen.“ – Frauen- und Familienpolitik in der DDR

Vergleichbar ist das mit dem Elterngeld, das in der Form ab 2007 in Deutschland gezahlt wurde. Ob sie damals auch über vier Monate auf das Elterngeld warten muss? „Es kommt alles wieder!“ sagt meine Mama oft und hat scheinbar recht. Vieles wurde verpönt nach der Wende abgeschafft und zum Teil Schritt für Schritt wieder eingeführt.

Dreijährige Pause für Kindererziehung

Während vielerorts in der DDR das Krippensystem gut ausgebaut gewesen war, verdonnerte der Dorf-Bürgermeister meine Tante zu einer dreijährigen Erziehungspause. Soweit sie sich erinnerte, gab es einmalig ca. 1000 Ost-Mark. Und dieser Betrag wurde auf den Ehe-Kredit angerechnet, den man bis zu einem bestimmten Alter beantragen konnte.

„Dein Mann verdient gut, du kannst drei Jahre zu Hause bleiben!“ – Bürgermeister eines kleinen Dorfes im Land Brandenburg

Doch so einfach war das nicht. Sie wollte und musste sich trotz der Vollzeit-Kinderbetreuung etwas dazu verdienen. Am Wochenende kellnerte sie, an ein paar Abenden in der Woche verkaufte sie Versicherungen, während ihr Mann und die Oma auf das kleine Kind aufpassten. Dazu nähte sie Filzlatschen (Pantoffeln), an die ich mich noch sehr gut erinnere.

Die Familie hält zusammen

Ohne Familie ging das alles gar nicht, sagte sie. Auch war es sogar förderlich, dass die Wohnungen damals so klein waren. Sie wurde damals mit ihrer Wohnung sogar beneidet, so hatten sie bereits 1979 eine Wohnung ohne Außenklo, mit warmen Wasser und Zentralheizung. Und das, obwohl sie kein Kind hatten (eigentlich Bedingung für eine eigene Wohnung) sowie keine Partei- oder Stasimitgliedschaft vorweisen konnten. Glück gehabt!

In unseren Wohnungen in der Stadt hatten wir zwar immer ein Bad mit Wc, doch keine Zentralheizung. Die bekamen wir erst in den 90ern, als unsere Wohnung (59 qm) modernisiert wurde, während wir noch drin wohnten. Welch ein Spaß!

Nur Reiche konnten sich in der DDR Hilfe im Haushalt oder bei handwerklichen Dingen leisten, sagte meine Tante. Deshalb wurde viel selbst gemacht. Tapezieren, malern, Türen abschleifen: meine Tante und meine Mama wissen, wie es geht. Nach der Wende hat meine Tante zusammen mit ihrer Familie sogar eigenhändig ein Haus ausgebaut.

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Heutzutage würde ich mich das gar nicht trauen. Zwar wuchs ich im Bewusstsein auf: meine Mama kann alles (wirklich!), doch sind bei uns ganz andere Dinge gegeben. Heute zieht man in Wohnungen, die einen guten Zustand haben, die nicht mehr tapeziert, höchsten gestrichen werden müssen. Handwerkliche Reparaturen übernimmt die Wohnungsverwaltung. Wie sollen wir denn noch lernen, wie es richtig geht?

Junge Mütter in der DDR

Meine Mama bekam mich mit 18, kurz vor ihrem 19. Geburtstag und war damit im besten Alter für ein Kind, den Erzählungen zufolge. Meine Tante war mit 23 Jahren eine der Ältesten und wurde schon schief dafür angesehen. Dass sie beide nur ein Kind haben wollten, passte auch nicht so richtig ins Bild der DDR. Familie war man mit zwei Kindern.

Sie kommen aus einer Großfamilie mit acht Kindern und entschieden sich ganz bewusst für ein Kind. Einem Kind etwas bieten können, hatte meine Tante im Sinn. Dennoch denkt sie erfreut über ihre sehr schöne Kindheit und Jugend nach, in der sie alle Freiheiten genoss, ganz ohne Verbote und Vorschriften. Sie wuchsen im Dorf mit vielen Geschwistern viel freier auf und konnten sich frei entfalten.

Meine Mama erzählt Ähnliches und berichtete, wie ihr ein Bruder zu ihrem Geburtstag ein Iglu baute oder wie einer der zahlreichen Geschwister ihr Fahrradfahren beibrachte. Das lief ganz ohne Eltern bzw. Oma ab.

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Meine Mama und meine Tante berichten über das Leben von Frauen in der DDR. Sie sprechen über Kindererziehung, Arbeit und Haushalt. | Mehr Infos auf Mamaskind.de

Meine Mama und meine Tante berichten über das Leben von Frauen in der DDR. Sie sprechen über Kindererziehung, Arbeit und Haushalt.

Rigide Arbeitszeiten – Stress für Mütter

An den Frauen blieb der Großteil der Kinderbetreuung, der Haushalt und nach dem Babyjahr (das es ja erst später gab) auch der Vollzeitjob hängen. So hetzte meine Mama noch vor 5 Uhr aus dem Bett. Die Normalschicht begann um halb 7, die Kita machte schon im 6 Uhr auf. Es gab morgendliches Gehetze, doch es musste eben sein. Gleitzeit gab es nicht.

Um pünktlich auf der Arbeit zu sein, sah ihr Zeitplan so aus:

  • 4.45 Uhr aufstehen (vor der Geburt war es 3.15 Uhr)
  • 6.00 Uhr Kind zur Kita
  • 6.30 Uhr Arbeitsbeginn (vor der Geburt 5.15 Uhr)
  • 15.15 Uhr Arbeitsschluss (vor der Geburt 14.00 Uhr)
  • danach mit dem Bus nach Hause

Meine Tante sagt, sie hätte das auf dem Dorf anders erlebt. Die Arbeit war stets in der Nähe, alles war mit dem Rad erreichbar. Ein Auto hatten viele auch gar nicht. Heute, so meint sie, würde eher der wirtschaftliche Aspekt und nicht der Mensch im Vordergrund stehen. In der DDR sah man das Materielle als nicht so wichtig an.

Einfluss auf eigene Elternschaft

Durch die lockere Umgebung wurde sie auch locker, betont meine Tante im Gespräch. Mit ihrem Sohn redete sie viel. Es gab nichts, was man nicht sagen durfte.

„Ich habe auch meine Gefühle gezeigt. Das war dann eben so!“ – Tante

Ich durfte als Kind viel probieren und machen. Obwohl die Wende kam, als ich drei Jahre alt war, legten meine Eltern die DDR nicht gleich ab. Da viele Dinge sehr schwer zu bekommen waren, wurden diese anders gepflegt und aufbewahrt. Auf ein Auto musste man damals gut zehn Jahre warten! Selbst Möbel gab es nicht immer. Meine kleine Bauernhof-Tasse und den Hahn-Teller bekommen heute meine Kinder, wenn sie dort sind. Es ist unglaublich, doch selbst ich nutze noch Handtücher und eine Decke aus meiner eigenen Kleinkindzeit in der DDR. Die Sachen sind nicht kaputt zu bekommen.

Erziehungsratgeber in der DDR

„Habt ihr je Erziehungsratgeber gelesen?“ fragte ich in den Raum und erntete herzhaftes Lachen. Es gab sogar Bücher, z. B. ein Buch über die Ehe, das meine Tante noch heute ungelesen im Regal stehen hat. Das hieß dann wohl: nein.

Papas und Kinderbetreuung

„Das gab es nicht!“ – da sind sich meine Mama und Tante einig. Männer waren arbeiten. Manche von ihnen wollten nicht, dass Frauen überhaupt arbeiten gehen. Ihnen war es wichtiger, dass der Haushalt gemacht wird und das Essen auf dem Tisch steht. Es war unvorstellbar, dass die Männer den Kinder- und Haushaltsjob übernehmen. Doch in der Regel arbeiteten Frauen in der DDR. Manche Mamas gingen sogar nach sechs Wochen oder einem halben Jahr wieder arbeiten. Das Geld musste verdient werden.

Krippen, Kitas & Schulen in der DDR

Generell sind beide sehr begeistert von den Einrichtungen, wie meine Mama heute noch gerne sagt. Es hat funktioniert, es gab viele Plätze. Die Kinder waren gut betreut.

Meine Tante hatte nach drei Jahren zu Hause mit dem Kind einen Konflikt. Dann startete die Kita und nach der Zeit mit Kind zu Hause sollte es plötzlich in die Einrichtung gehen. Generell war auch sie zufrieden, doch gab es Erzieherinnen, die Jungs hänselten, wenn sie Strumpfhosen trugen. Die ein Kind zum Weinen brachten, wenn die Eltern keine Spende in die Kita gaben.

„Es war alles ein freiwilliges Muss in der DDR.“ – Tante

Man wurde in eine Richtung gedrängt, eine bestimmte Meinung zu haben, berichtet meine Tante. Andersdenkende wurden schief angeschaut (bestenfalls). So benutzte man Kindergartenkinder, um Spenden zu sammeln. Dabei ging es um Beiträge für die Deutsch-Sowjetische-Freundschaft oder Spielzeugspenden für Kinder in armen Ländern.

Früher rief der Chef auch gerne mal den Arzt an, um zu prüfen, ob die Angestellte wirklich krank ist, erzählte sie. Heute unvorstellbar, doch selbst die Erfahrung machte sie, dass es eben doch noch vorkommt. Das Wesen des Menschen zählt.

Krabbelgruppen gab es nicht

Wir sind wirklich von dem riesigen Angebot verwöhnt, das es heute für Eltern und Kinder gibt. Damals gab es zwar die Mütterberatung, jedoch keine Krabbelgruppen, für die man sich anmelden konnte. Vielleicht gab es diese in anderen Orten? Man traf sich im Mittelpunkt: beim Konsum. Auch kam man für private Kaffeekränzchen mit den Kindern zusammen, doch es gab keine Gruppen. Selbst war die Frau!

Dafür gab es viele Dinge, die alle öffentlich abliegen: Schützenfest, Rummel, Fasching, Tanzabende. Gut hatten es die, die Omas etc. in der Nähe hatten.

Meine Eltern wohnten im ersten Babyjahr in einer 20 qm Arbeiterwohnung im 9. Stock. In der Stadt kannte meine Mama niemanden. Freundschaften schlossen sich erst später durch den Umzug in die Siedlung, wo meine Eltern noch heute leben. Viele dort arbeiten in derselben Firma, man kannte sich. Vermutlich machte es das soziale Leben für meine Mama einfacher: die Nachbarn hatten Kinder im selben Alter.

Die 2-Raum-Wohnung mit 45 qm beantragten sie 1987 – als ich geboren wurde – und wurde erst ein Jahr später bewilligt. Und selbst damit hatte man Glück: es war eine Betriebswohnung. Eine 3-Raum-Wohnung war schier unmöglich zu bekommen, wenn man „nur“ ein Kind hatte. (Heute ist es eher unwahrscheinlich, eine Wohnung zu bekommen, wenn man Kinder hat…). In eine größere Wohnung zogen sie erst nach der Wende, bevor ich zur Schule kam.

Gedanken zur DDR

Wenn man bedenkt, wie unsere Eltern gelebt haben: mit wenig Auswahl und wenig Geld ist die Einstellung zu vielen Dingen ganz anders nachvollziehbar. Selbst das kommt wieder: Reparieren statt neu kaufen. Ein guter Gedanke.

Ich fand es sehr spannend, die ganzen Infos über das Leben in der DDR zu hören. Meine Mama interviewte ich bereits einmal zu dem Thema. Den Bericht findet ihr bei Mama Notes – Finding Europe.

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