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Geben wir es doch ruhig zu: Kinder erziehen ist verflucht schwer (ich wollte eigentlich noch ein drastischeres Adjektiv benutzen, aber Sarah hat jetzt eine Fluchkasse und ich bin gerade klamm). Das war schon immer so, die Probleme haben sich bloß verschoben. Vor 100 Jahren war die Hauptsorge: “Wie bekomme ich meine Kinderschar satt?”, heute geht es darum, die Kinder fit für die immer komplexere und schneller drehende Welt da draußen zu machen. Die Erziehungsarbeit ist dabei voller Widersprüche: Mein Kind soll folgsam sein, gleichzeitig aber auch einen freien Willen entwickeln. Es soll bestimmt und selbstbewusst auftreten, aber auf keinen Fall aggressiv sein. Unsere Kinder sollen in erster Linie Kinder sein, müssen sich aber gleichzeitig auf das Erwachsenenleben vorbereiten, dessen soziale Komponente in Ermangelung anderer Probleme (wie Hunger, Krankheit und Armut) heute komplexer ist denn je.

Gutgemeinte Ratschläge und ihre Wirkung

Und als wäre das alles noch nicht genug, machen wir Eltern uns gegenseitig das Leben schwer, indem wir uns darüber streiten, welche Erziehungsmethode denn nun die richtige sei. Das Spektrum reicht von hartem Einschlafprogramm, Töpfchentraining und Chinesisch im Kindergarten bis zu sanfter Einschlafbegleitung, Tragetuch, Familienbett, und Attachment-Parenting. Und natürlich hat man dieses Erziehungsding überhaupt nicht drauf, wenn sich das Kind im Supermarkt schreiend auf den Boden schmeißt. Neuerdings scheinen da auch verächtliche Blicke nicht mehr auszureichen, immer öfter mischen sich andere Menschen direkt ein, indem sie gutgemeinte Ratschläge geben, oder – im schlimmsten Fall – die ohnehin schon schwer gebeutelten Eltern beschimpfen (so einen Vorfall gab es im Bekanntenkreis tatsächlich!).

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Erziehung von Kindern – alle wollen mitmachen. Was soll das?

Selbstverständlich sind wir auch ganz groß darin, uns selber Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe einzureden, weil, ja weil zum Beispiel die Kinder der Nachbarn so wohlerzogen, lieb und artig sind. Und die Nachbarn selbst sind auch immer so entspannt, wenn man sie sieht. Die haben es drauf. Keiner denkt doch: Naja, jedenfalls haben sie es in den 10 Sekunden, die ich sie ab und zu sehe, richtig drauf. Den Rest der Zeit werden sie wohl die gleichen Probleme haben, wie ich. Nein, stattdessen schaut man nur neidisch rüber und wünscht ihnen der Fairness halber wenigstens Furunkel an den Allerwertesten.

Es gibt keine Silberkugeln

Ich bin Software-Entwickler (glaube ich, im Moment ist das etwas unklar). In unserer Branche gibt es einen berühmten Aufsatz der Entwicklerlegende Fred Brooks mit dem Titel “No silver bullet”. Darin schreibt er einfach gesagt, dass es keine Programmiersprache, kein Werkzeug und kein Framework gibt, mit dem man absolut jedes Programmierproblem lösen könnte. Vielmehr sei es wichtig, für das zu lösende Problem das richtige Werkzeug zu finden. Ich finde, dieses Prinzip kann man auch auf die Erziehungsarbeit übertragen. Jeder Mensch ist die Summe seiner Erlebnisse, seiner Erfahrungen und nicht zuletzt seiner genetischen Anlagen. Jeder Mensch ist einzigartig. Jedes Kind, jeden Vater und jede Mutter gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt. Demzufolge muss auch die Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern einzigartig sein. Was bei dem einen Kind funktioniert, kann bei einem anderen völlig sinnlos sein. Manche Eltern sind in der Lage, auch im größten Chaos ruhig zu bleiben, andere eben nicht. Das ist kein Fehler, kein gravierender Missstand, das ist eben so.

Jede Familie muss selbst Wege finden, die für sie funktionieren. Ein Blick über den Tellerrand lohnt sicher, um sich neue Tricks abzuschauen. Die Methoden der anderen sollte man nicht bewerten, zu kompliziert und zu mannigfaltig sind die Einflussfaktoren auf ein Kind. Ebenso muss die eigene Methode nicht schlecht sein, weil es sonst keiner auf diese Weise macht. Väter und Mütter sind auch dazu aufgerufen, ein wenig zu experimentieren. Innerhalb gewisser Grenzen gibt es doch viele Möglichkeiten, auf sein Kind erzieherisch einzuwirken. Bei den Kuschelkindern funktioniert ganz viel Liebe und Verständnis, andere Kinder brauchen eher eine klare Linie und Konsequenz in der Erziehung. Es ist meine Meinung, dass man bei der Erziehung durchaus auch Fehler machen darf. Bestimmte Grenzen sollten natürlich nicht überschritten werden. Wichtig ist, dass man aus den Fehlern lernt. Wenn eine Methode nicht oder nicht mehr funktioniert (was erstaunlich oft passiert), hilft alles Schreien und Wehklagen nicht, da muss man dann die grauen Zellen anstrengen und sich etwas neues ausdenken. Unsere Kinder sind zwar zarte und liebenswerte Wesen, aber sie verzeihen auch den einen oder anderen Fehltritt in der Erziehung.

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Erziehung durch Arbeit am eigenen Charakter

Ohnehin glaube ich, dieses Erziehungsding ist nur eine von mehreren Kräften, die ein Kind formen. Kinder lernen durch Nachahmen. Für ihr Sozialverhalten sind wir Eltern (anfangs) die Rollenvorbilder. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder starke Persönlichkeiten mit viel Herz und Verstand werden, dann sollten wir selbst stark und herzlich sein. Wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder unsere Ängste und Probleme erben, dann sollten wir sie uns selbst austreiben und nicht unseren Kindern. Wer an sich arbeitet und sich so verhält, wie er seine Kinder gerne hätte, der braucht (vermutlich) gar nicht mehr viel zu erziehen. Als netter Nebeneffekt wird man dadurch selbst zu einem besseren Menschen. Das halte ich für wesentlich wichtiger als die richtige Erziehungsmethode.

Also, liebe Miteltern, lasst euch nicht runterziehen von den tiefenentspannten Nachbarn, von den meckernden Leuten im Supermarkt und erst recht nicht von den vor Glück und Liebe triefenden Social-Media-Kanälen mancher Eltern. Die kriegen das auch nicht immer perfekt hin. Und wenn euer Sprössling den nächsten apokalyptischen Zusammenbruch neben dem TK-Regal hat, haltet es mit dem Skipper:

Lächeln und winken, stur lächeln und winken!